Vertraue niemals der Maus, denn die Maus lässt in ihren Animationsfilmen für Kinder gezielt Elternfiguren sterben, um emotionale Bindung zu den überlebenden Figuren zu erzeugen, was dann wiederum dabei hilft, mehr Merchandise an eben diese vorab traumatisierten Kinder zu verkaufen.
In seinem vom postsozialistischen Realismus und der Neuen Leipziger Schule beeinflussten Posterprint zeigt Göpel nun eben diese Aspekte der Kommerzialisierung von durch Kunst erzeugten Emotionen symbolhaft auf.
Hier sehen wir auf der linken Seite eine im Stile moderner Art Toys gehaltene Mickey-Figur, welche die Formsprache von Brian Donnelly (KAWS Companion Flayed) aufgreift. Das Innere der Maus wird durch eine Art anatomisches Modell offengelegt. Anstelle der erwarteten Knochen offenbaren sich aber Stahl und eher an das Innere eines Roboters erinnernde Schädelelemente. Die Maus wird unter ihrer Haut als ein Hybrid aus organischem Element und Technologie dargestellt, was der ursprünglichen Erscheinung eine völlig neue Bedeutung zuschreibt.
Anstelle einer lustigen, liebevollen Cartoonfigur sehen wir hier eine technologiegetriebene Menschmaschine, welche durch die Offenlegung ihres eigentlichen Kerns ein gänzlich neues Bild zum Vorschein treten lässt.
Der Künstler lässt die weißen Handschuhe bewusst stehen, denn Disney wusste bereits: Weiße Handschuhe wurden ab den 1920er Jahren als ein Symbol für elegante Künstler, Zauberer, Kellner, bekannte Darsteller etc. wahrgenommen. Wer solche Handschuhe trug, musste etwas Besonderes sein und wurde niemals auf den ersten Blick verdächtigt, etwas Böses im Schilde zu führen.
Auf der rechten Seite am unteren Bildrand schockiert uns Göpel nun mit der Platzierung einer offensichtlich leblosen jugendlichen Tierfigur, welche als Protagonist des Films „Bambi“ gelesen werden kann.
Hier stirbt nicht das Elternteil, hier stirbt die Unschuld, noch bevor sie ihre Heldenreise antreten kann. Hier wird ein Teil dieser Unschuld geopfert, um mit diesem erzeugten Leid Kasse zu machen.
Käse sowie die in der Bildmitte befindliche Druckmaschine zeigen die wahre Intention der Maus: Sie will Käse, aber eigentlich Geld.
Die gesamte Komposition im Hintergrund besteht aus einem wohlgestalteten inneren Raum zur Linken, welcher durchbrochen von neoklassizistischen Bögen den Blick zur Rechten auf eine graue, fast in Ruinen liegende Außenwelt freigibt.
Die Erfahrung eines unschuldigen Kindes, welches durch einen solchen Trickfilm traumatisiert wird, durchbricht eben das noch heile Innere und reißt Löcher in die kindliche Seele, welche einen Blick auf die Außenwelt erzwingen, der sich in diesem Stadium wohl noch hätte vermeiden lassen.
Bambi an sich steht symbolhaft hier nur für das ab diesem Film immer wieder verwendete Erzählmittel: Vorgeschichte – Tod – Heldenreise – Happy End, welches über die folgenden Jahrzehnte immer weiter ausgebaut, genutzt und ab den 1980er Jahren dann konsumpsychologisch gegen die Eltern gerichtet wurde, um der Maus ihr Königreich zu errichten.
Disney hat diese perfide Taktik über sehr viele Jahrzehnte immer wieder systematisch eingesetzt. Walt Disney war überzeugt, dass emotionale Identifikation der Schlüssel zu einer guten Geschichte ist.
Der wirtschaftliche Erfolg des Merchandisings, welcher schon ab 1930 mit Mickey-Mouse-Produkten begonnen hatte, entstand anschließend aus dieser Bindung.
Direkt folgend auf die Veröffentlichung dieser Animationsfilme wurden dann Bilderbücher, Stofftiere, Figuren, Puzzles, Ausmalbücher etc. auf den Markt gebracht, die diese während der verstörenden Kinoerfahrung erzeugte emotionale Bindung monetär instrumentalisierten.
Auch hier wurde Kunst bewusst benutzt, um Kapitalerhöhung zu erzielen, diesmal sogar unter Zuhilfenahme emotionaler Grausamkeit auf Kosten unschuldiger Kinder.
Betrachtet man in diesem Kontext den Kinofilm „Die Eiskönigin“ (Frozen), in welchem die Eltern der beiden jugendlichen Protagonistinnen bereits etwa 10–15 Minuten nach Filmbeginn sterben, zeigt sich hier, dass der eigentliche Kinoumsatz mit etwa 1,3 Milliarden US-Dollar schon in den ersten Jahren nach seiner Veröffentlichung einen Merchandising-Umsatz von mehreren Milliarden US-Dollar erzeugte – allein mit Puppen, Kostümen, Schulranzen, Bettwäsche und anderen Produkten.
Natürlich investiert auch Disney bereits kräftig in KI, um Produktionskosten zu senken, die visuelle Qualität zu verbessern, Filme schneller fertigzustellen und Personal einzusparen.
Göpel zeigt uns, dass die Maus noch Organe besitzt, welche das Exoskelett aus Technologie am Leben erhalten, deutet aber an, dass sich dies bald ändern könnte und aus dem, was einst mit Kunst begann, ein seelenloser, komplett auf Kommerz ausgerichteter automatisierter Produktionsapparat erwächst.